Wie kann kognitive Flexibilität uns in der modernen Arbeitswelt erfolgreicher machen?

Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingenfmu. Viktor Frankl (1905 – 1997).

Dieses Zitat stammt aus dem Buch von Viktor Frankl „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“. Viktor Frankl ist ein österreichischer Neurologe und Psychiater, der die Gefangenschaft im nazistischen Konzentrationslager überlebt hat.

Unsere Überzeugungen und Einstellungen wirken auf das, wie wir fühlen, arbeiten und leben.

Wir sind definitiv in der Lage unsere Einstellung zu dem, was in unserem Leben passiert, zu bestimmen. Kognitive Flexibilität kann man trainieren.

Wie entstehen Überzeugungen?

Erinnere Dich an einige Deiner Einstellungen, z.B. „Ich habe kein musikalisches Gehör.“ „Ich falle immer bei schwierigen Matheklausuren durch.“ „Ich kann mich nicht immer durchsetzen.“ Ich habe immer Pech mit chinesischen Verhandlungspartnern.“ Und überlege, von wem stammen diese Gedanken? Mit welchen Erfahrungen verbindest Du diese?

Überzeugungen, die unsere Erfolge und Effektivität beinträchtigen, entstehen durch unsere Erfahrungen und Wechselwirkung mit der Umwelt. Sie stammen von Menschen, die uns viel bedeuten, von denen wir irgendwann bewertet oder beeinflusst wurden. Durch negative Überzeugungen bilden sich Verzerrungen in der Denkweise, die unser Leben schwerer machen.

Moti­va­tions­forscherin Carol Dweck fand anhand von Studien mit Grundschulkindern heraus, dass durch richtige Vermittlung vom leistungsbezogenen Selbstvertrauen durch Eltern und Lehrer sich die Leistungen der Schüler in verschiedenen Fächern deutlich verbessert haben.

Sie spricht vom sog. dynamischen Selbstbild, das veränderbar ist. Man hat die Schüler davon überzeugt, dass jeder seine Fähigkeiten durchs Lernen und Üben entwickeln kann. Als Folge dieser neuen Überzeugung lernten sie durch Fleiß, harte Arbeit und kontinuierliche Entwicklung, sich den Herausforderungen zu stellen. Sie sahen in den Fehlern und Misserfolgen ihren Weg zum Erfolg.

Das, an was wir glauben, hilft uns also, erfolgreich zu sein und unsere Ziele zu erreichen. Oder es hindert uns daran und nährt unser fehlendes Selbstbewusstsein. Unsere Einstellung spiegelt unsere Wahrnehmung und Beziehung zur Umwelt wider.

Neurowissenschaft der Überzeugungen und kognitive Flexibilität

„Die kognitive Flexibilität ist die Fähigkeit des Gehirns, das Verhalten und Gedanken an neue, sich verändernde oder unerwartete Ereignisse anzupassen. Die kognitive Flexibilität beschreibt die Fähigkeit, zu erkennen, dass eine Handlungsstrategie nicht funktioniert und entsprechende Veränderungen vorzunehmen, um sich an die Situation anzupassen.“

Quelle: https://www.cognifit.com/de/wissenschaft/kognitive-fahigkeiten/mentale-anpassung

Kognitiv flexible Menschen sind in der Lage, immer wiederkehrende Muster zu brechen. Sie beharren nicht auf veralteten Sachverhalten. Sie passen sich den Veränderungsprozessen leicht an und sind offen für Neues. Sie sehen in den Herausforderungen die Möglichkeit zum Wachstum. Ihr Wissen und Erfahrungen können Sie immer wieder hinterfragen, in neuen, multiplen Situationen anwenden und Einstellungen ggf. verändern.

Diese Fähigkeiten spielen in unserer modernen Arbeitswelt der Digitalisierung, ständiger Veränderung und Komplexität eine wichtige Rolle. Denn erfolgreich zu sein heute bedeutet agil zu handeln, Chancen zu ergreifen, schnell und flexibel zu reagieren, sich an die Veränderungen anpassen.

Und auch dies kann man durch regelmäßiges Üben trainieren.

Kognitive Flexibilität ist, genauso wie alle anderen Fähigkeiten, mit der Neuroplastizität unseres Gehirns verbunden, die auf der Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb gründet.

Bei Neuroplastizität entstehen durch neue Erfahrungen und wiederholtes Denken, Lernen und Üben neue Strukturen im Gehirn. Die unbrauchbaren werden entfernt. Je öfter wir also eine bestimmte Handlung oder Einstellung wiederholen, desto stärker werden die neuronalen Verbindungen. Diese aktivieren sich, um bestimmte Handlung oder Gedanken zu realisieren.

Je öfter die neuronale Verbindung aktiviert wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Aktivierung dieser in der Zukunft. Dementsprechend ist die Wahrscheinlichkeit das gleiche, wie gewohnt zu tun oder zu denken, höher.

Unsere Überzeugungen, basierend auf den Erfahrungen, bestimmen die Entscheidungen und die Wahl, die wir treffen. Man löst zum Beispiel ein Problem immer wieder mit der gleichen Methode, ohne nach anderen evtl. einfacheren Lösungswegen zu suchen. In der Überzeugung, dass die letzten nicht funktionieren.

Warum sind Veränderungen möglich?

Eine der Annahmen der neuroplastischen Theorie von Hebb besteht darin, dass die synaptische Verbindung zwischen den Neuronen sich verändern kann.

Das Wiederholen einer bestimmten Handlung, die sich auf eine Fähigkeit oder Denkweise bezieht, führt zu ihrer Festigung. Wenn die Handlung nicht wiederholt wird, schwächen sich die synaptischen Verbindungen ab. Durch das Wiederholen lernen wir zu denken oder zu handeln auf eine bestimmte Art und Weise.

Unsere Einstellungen sind also durch unseren Willen und durch das regelmäßige Üben veränderbar.

Veränderung durch neue Erkenntnisse

Carol Dweck hat in Ihrem Forschungsexperiment Verbesserung der Leistung der Schüler durch Vermittlung neuer Information erreicht. Sie erreichte die Veränderung dadurch, dass sie die Schüler davon überzeugte, dass alle Menschen lernfähig sind uns sich weiterentwickeln können. Sie beeinflusste ihr Selbstbild, das dynamisch und jederzeit veränderbar ist.
Jeder kann seine Fähigkeiten trainieren. Sie verhalf den Schülern zu einer neuen Sichtweise, die in der Einstellung sich weiterzuentwickeln resultierte.

Einstellungen und Gedächtnis

Der Prozess der Veränderung unserer Einstellung ist mit dem Gedächtnis verbunden. Dank unserer Lernfähigkeit und unserem Gedächtnis vermeiden wir Situationen, die wir aufgrund von unserer Erfahrung für negativ oder zu kompliziert halten. Und wir suchen die, die mit positiven Emotionen verbunden sind.

Jedes Mal, wenn wir uns daran erinnern, was wir gelernt haben, haben wird die Möglichkeit unsere Erfahrung oder unsere Einstellung zu einer Situation oder zu sich selbst aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen.

Dieses wiederholte Abrufen der Erinnerung nennt man Rekonsolidierung des Gedächtnisses. Durch Integration neuer Informationen können wir unsere Erinnerungen verändern und beeinflussen. So formiert sich in unserem Gedächtnis eine neue überdachte Einstellung. (Quelle: Stangl, W. (2018). Stichwort: ‘Rekonsolidierung’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. (Quelle: http://lexikon.stangl.eu/13671/rekonsolidierung/ (2018-04-16)).

Positive Erwartungshaltungen und sich selbst erfühlende Prophezeiung

Menschen neigen dazu, die Erwartungshaltungen, die das vertrauensvolle Umfeld an sie stellt, zu erfüllen. Denk an Deinen Vorgesetzten, der an Dich eine herausfordernde Aufgabe delegiert hat, voller Zuversicht und Vertrauen darauf, dass Du und nur Du in der Lage bist, diese zu meistern? Das Vertrauen in Deine Fähigkeiten seitens des Chefs ermutigt dich, die Aufgabe meisterhaft und engagiert zu erledigen.

In der Psychologie spricht man vom sog. Rosenthal-Effekt (auch: Pygmalion Effekt). Wikipedia definiert das folgendermaßen:

„Versuchsleiter(erwartungs)effekt wird in der Sozialpsychologie das Resultat eines Versuchsleiter-Versuchspersonen-Verhältnisses bezeichnet, durch das sich positive Erwartungen, Einstellungen, Überzeugungen sowie positive Stereotype des Versuchsleiters in Form einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“ auf das Ergebnis des Experiments auswirken.“

Tipp:

Schaffe ein Umfeld an Menschen, die an Dich glauben, die Dich unterstützen und mehr von Dir erwarten als Du selbst. Dieses Umfeld hilft Dir, mehr zu erreichen und schafft die Basis für neue Einstellungen.

Das veränderbare Mindset

Eine der Annahmen von Donald Hebb: Das, worauf wir uns fokussieren und dem wir unsere  Aufmerksamkeit schenken, verstärkt sich.

Mit dem Ziel, Deine Überzeugung zu verändern, ist es wichtig zu lernen die Einstellung zu gemachten Erfahrungen zu verändern.

Wenn Du denkst, dass Du bei Matheklausuren immer Pech hast, erinnere Dich an Situationen, die das nicht bestätigen. Beschreibe diese, denke über sie nach, zähle sich nach.
Kann man wirklich ein paar negativer Erfahrungen auf alle nachfolgenden Situationen in Deinem Leben übertragen? Kann man Dich wirklich für einen Menschen halten, der bei Herausforderungen immer Pech hat?

Du kannst jede Situation, Handlung oder Erfahrung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Jedes Mal, wenn wir unseren Blickwinkel ändern, ändert sich das Bild auf das gleiche Objekt. Wie im Beispiel für das Glas, das halbleer oder halbvoll sein kann.

Was kannst Du daraus lernen?

Unsere Überzeugungen und Wahrnehmungen über sich selbst und die Umwelt, helfen uns schwierige Situationen zu meistern und unsere Ziele zu erreichen. Um das zu erreichen müssen wir lernen, die richtige Wahl zu treffen, etwas ändern, überdenken.

  • Es macht Sinn immer wieder kritisch seine Überzeugungen und Muster zu hinterfragen und sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
  • Zum Beispiel durch das Üben und Trainieren der eigenen Kreativität und Lernfähigkeit.
  • Wenn wir die verzehrten Einstellungen, die auf negativen Erfahrungen basieren, in neue Sichtweisen und Erkenntnisse umwandeln, gewinnen wir.
  • Kurs gesagt: Sei offen, neugierig und innovativ. Breche die Muster. Oder wie mein Professor zu sagen pflegte: „Sie sollten Ihre Stereotypen von Zeit zu Zeit hinterfragen und kritisch betrachten.“

Ich denke, dass die größten Dummheiten der menschlichen Geschichte aus kognitiver Starrheit und stereotypischen Denkweisen resultieren. Hoffentlich haben wir etwas davon gelernt.:).

Tipp:

Viele Impulse und Anregungen wie man in einer Organisation, in der Führung und an sich selbst etwas verändern kann, liefert z.B. die Projekte Musterbrecher® (www.musterbrecher.de) oder intrinsify.de.  Der Fokus liegt hier auf innovativem Denken und Schaffen von Wettbewerbsvorteilen durch das Experimentieren. Auch hier erfährt man in Seminaren, Workshops und Impulsvorträgen, wie man die alte, immer dieselbe Logik und Denkweise durch frische innovative Ideen und Perspektivenwechsel verwerfen kann. Um dabei durch Herausforderungen zu wachsen.

In diesem Blogbeitrag habe ich beschrieben, wie man Überzeugungen bildet, was sie unterstützt und wie man diese hinterfragt. Und wie richtige Überzeugungen infolge von kognitiver Flexibilität zum Erfolg führen.

Erinnerst Du Dich an das Zitat von Viktor Frankl am Anfang dieses Beitrags?

Unser Denken, Fühlen und Handeln ist hauptsächlich unsere persönliche Einstellung zum Leben. Und wir sind frei, diese bewusst selbst auswählen zu können.

Bem.: Mehr zum Thema “Lernen und Gedächtnis” erfährst Du in meinem Blogbeitrag 5 Tipps für erfolgreiches Lernen mit Langzeiteffekt.

Tatjana Bienemann-Krasnow, Gründerin der Smart Skills eAcademy

Verwendete Literatur und Internetquellen

Bachrach, Estanislao (2016). The Agile Mind: How Your Brain Makes Creativity Happen. Virgin Books; Auflage: UKDweck, C. Mindset (2016)- Updated Edition: Changing The Way You think To Fulfil Your Potential. Pinguin Random House LLC, New York.

Dweck, C. (2009). Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt. Piper Verlag. München.

Gray, D. (2018). Liminal Thinking: Create the Change You Want by Changing the Way You Think Paperback. Two Waves Books. Brooklyn, NY, USA.

Internetquellen:
Stangl, W. (2018). Stichwort: ‘Neuroplastizität’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
(WWW: http://lexikon.stangl.eu/1166/neuroplastizitaet/ (2018-04-15))

https://www.cognifit.com/de/wissenschaft/kognitive-fahigkeiten/mentale-anpassung

https://de.wikipedia.org/wiki/Rosenthal-Effekt#cite_note-1